Management by Nonsense
Wenn Handwerker downsizen, Hausfrauen benchmarken und Vereinsfunktionäre outsourcen – die Managersprache erobert den Alltag.
Von Hans Schneeberger
Und? Haben Sie Ihre Quality Time heute schon gehabt? Ihren Main Focus auf Leisure Time gelegt und relocatet? Oder sind Sie einfach nach Hause gegangen und haben Feierabend gemacht?
Waren das herrliche Zeiten, als die Managergilde ihre unverständliche Sprache nur unter ihresgleichen herumbot. Als man sich beim späten Apéro über Process Reengineering (Arbeitsabläufe verändern)
unterhielt, sich in verqueren Pressemitteilungen auf neue Challenges freute oder in Weiterbildungsseminaren Visions für eine prosperierende Zukunft suchte.
Schon problematischer wurde der Hang zur aufgepeppten Sprache, als der Middle Manager versuchte, das in jahrelangem Marketingstudium Angelesene seinen Mitarbeitern und der Öffentlichkeit zu
vermitteln. Da lagen dann die Fachausdrücke wie Kuhfladen auf dem Weg zur verständlichen Information. Und bei jedem Satz drohte der Fehltritt. Was lesen wir in der just heute veröffentlichten
Zeitschrift «Datamaster» («Facts und Trends zum Gesundheitsmarkt»)? «Eine adäquate Standardimplementierung öffnet den Anwendern einen interessanten Return on Invest.» Soso.
Markus Reiter schreibt in der «Frankfurter Allgemeinen» über das Kauderwelsch der Wirtschaftskapitäne: «Mitarbeiter müssen viel Zeit investieren, weil sie Texte erst mühsam entschlüsseln müssen. Sie
fühlen sich ausgeschlossen, wenn sie das Kauderwelsch ihrer Chefs nicht begreifen.» Die Mitarbeiter ihrerseits halten sich meist an die Kürzest-Analyse: «Hää?»
Wirklich übel wird es, wenn die Managementsprache das Privatleben erobert. Wenn der Kundenberater seiner Familie mehr Quality Time schenkt, die Hausfrau ein Investment tätigt (sie kauft sich eine
Handtasche), der Malermeister seinen Betrieb downsizt (er hat seinen Malergehilfen entlassen) und der Präsi des Handharmonikaclubs seine Vorstandskollegen auf die Corporate Culture einschwören will
(«Wir brauchen ein Credo, ein überdachendes Bekenntnis zur Musik!»).
Benchmarking hiess früher mal, verliebt auf einer Bank zu sitzen und ein Herz mit den Initialen der Geliebten ins Holz zu ritzen. Oder auf dem Schulhof bei zwei verfeindeten Banden mit dem Schuh
einen Strich durchs Kies zu ziehen: bis hierher und nicht weiter! Heute wird in jedem Zehn-Personen-Budeli auf Teufel komm raus gebenchmarkt, und auch die Dame des Hauses benchmarkt ihre
portugiesische Putzhilfe («Mini macht 16 Hämpli i 40 Minute – und dini?»).
Dieses Management by Nonsense schleicht sich in alle Lebensbereiche ein: In der Schule wird fokussiert gearbeitet statt gelernt, in der Werbeagentur werden Values erarbeitet statt gute Ideen, und in
der Steuerkommission committet man sich, ohne zu wissen, wozu. Zum Znacht wird nicht mehr miteinander geredet, nein, man gibt ein Feedback, und Freunde plaudern nicht mehr miteinander, sie spiegeln
sich (hier trifft sich die Management- mit der Psychologensprache – der Sprach-GAU).
Wie sagte noch der Fussballtrainer zum Saisonstart? «Wir müssen eine Vision unseres Spiels entwickeln.» – «Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen», erkannte schon Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.
Schmidt, ein Meister der klaren Sprache, hätte dem Fussballtrainer geraten, sich auf das nächste Spiel anstatt auf dessen Vision zu konzentrieren.
Wolf Schneider, der frühere Chef der Hamburger Journalistenschule und grosse alte Mann der deutschen Sprache, hat einige Regeln für klares Schreiben erarbeitet. Die wichtigste: Klares Schreiben
verlangt erst einmal klares Denken. Das heisst, wer einen Gedanken nicht wirklich zu Ende gedacht hat, kann ihn auch nicht richtig zu Papier bringen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise
trifft dies sicher auch auf die Wirtschaft zu. Einfaches einfach ausdrücken, statt es mit Anglizismen aufzupeppen und bis zur Unverständlichkeit aufzuplustern – es wäre so einfach.
Sie sind mit dieser Analyse nicht einverstanden? Weshalb diskutieren wir das nicht gemeinsam? Doodeln Sie mir doch Ihre Timeslots für ein Get-together, und wir gehen das Subject bottom-up noch einmal
durch.
Hans Schneeberger (49) ist Chefredaktor des «Migros-Magazins», der mit 2,3 Millionen Leserinnen und Lesern zweitgrössten Publikation der Schweiz. Zuvor war er stv. Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash», der «Mittelland-Zeitung» und der «Schweizer Woche».
